4. Sonntag der Osterzeit: Berufen zur Gefährtenschaft

Anmerkung: Der weiter unten benutzte Artikel von Prof. Gmainer-Pranzl ist zusammengefasst in einigen Thesen unter dem Reiter „Verw:ortet im Mai 2020“ auf dieser Homepage zu finden.

Die Halbherzigkeit beim Weltgebetstag für geistliche Berufungen

In den Pfarreien kennt man seit 1934, initiiert von Domprobst Bernhard Lichtenberg in Berlin, den monatlichen Gebetstag um geistliche Berufungen (meist am Donnerstag vor dem Herz-Jesu-Freitag). Seit 1964 ist auf eine Initiative von Papst Paul VI. hin der vierte Sonntag nach Ostern der Weltgebetstag um geistliche Berufungen. Den Schwestern und Brüdern, die zu einem Leben in den Gemeinschaften berufen sind, ist seit 1997 der Tag des gottgeweihten Lebens als Gebetstag gewidmet. Berufung – etwas, was in diesen Gebetstagen Klerikern und Ordensleuten gilt. Diese Gebetstage sind leider verkümmert – statt um die Gabe der Berufung für die Christen zu beten, ist der Inhalt des Gebets die Berufung zum Priester, Ordensfrau, Ordensmann.

All diesen Gruppen von Menschen in der Kirche werden ganze Gebetstage oder sogar -wochen gewidmet. Was ist mit denen, die in der Kirche eben nicht Kleriker, eben nicht Bruder Paul oder Schwester Agnes sind? Es ist eine Halbherzigkeit, wenn Päpste oder Priester von einem Welttag für geistliche Berufungen sprechen und dabei doch nur geistliche Berufe meinen. Und glauben Sie wohl, dass das wahrgenommen wird von denen, die man dann die „Laien“ nennt. Und dass manche sogar noch nicht einmal verheiratet sind, wird oft eher bedauert als verstanden, und dann gibt es ein Problem. Wie sieht es aus mit den Unverheirateten, den allein Lebenden? Sei es „noch“ unverheiratet, sei es als gewählte Lebensform, vielleicht sogar aus Glauben heraus. Ob die in irgendeiner Weise einen Platz haben beim Welttag für geistliche Berufungen? Oder werden sie wahrgenommen als Spätzünder, als irgendwie spinnert, als besonders fromm und verklemmt, als „irgendwie anders“?

Berufung – Ein Blick in die Wirklichkeit der Welt

In Köln[1] gab es 2018 564.260 Haushalte, davon sind 285.362 (= 50,57%) Single-Haushalte. In der Gruppe der Menschen bis 40 Jahren lebten 2008 in Köln 61,9 % allein; in der ab 60 Jahre nur 46,3 %. Diese Zahl wird sich nach oben hin verändert haben.

Angenommen ich ließe Ihnen drei Minuten Zeit, könnten Sie mir zehn Menschen aus der Altersgruppe unter 40 Jahren benennen, die in Köln leben, weder in der Kirche arbeiten noch in einer Gemeinschaft leben und die aus einer geistlichen Berufung heraus leben?

Merken Sie, wo der Haken ist? Es ist nicht klar, was „aus einer geistlichen Berufung heraus leben“ meint. Der 1994 verstobene Aachener Bischof Klaus Hemmerle schreibt:

„Berufung erhellt den Sinn des Menschseins. Der Mensch ist nicht verurteilt zu sein, nicht ausgeliefert an den Zufall eines Beliebens, sondern zur Antwort gerufen. Als Gerufener nimmt er die Begrenztheit seiner selbst an und überschreitet sie auf den Rufenden und jene hin, für die er gerufen ist. In Berufung wir der Zusammenhang von Ich, Du und Wir gewahrt und nicht ein Pol, für die anderen zerstörerisch, absolut gesetzt. Gottes Ruf findet, wer auf den Willen Gottes im Alltag achtet, mit seinem Wort lebt, die andern und sich wahrnimmt, das Gespräch mit dem Herrn und mit den Menschen sucht, die geistlich raten und begleiten können. Alle haben, auf den eigenen Ruf achtend, auch der Berufung der anderen zu dienen, wie Eli, der die Unruhe des jungen Samuel deutet (1 Sam 3), wie Johannes, der seine Jünger zu Jesus weist (Joh 1,35-37), vor allem aber im betenden Rufen zu dem, der allein beruft (vgl. Lk 10,2).“[2]

Klaus Hemmerle war Bischof, der Herausgeber des „Praktischen Lexikons für Spiritualität“ war Bendediktinerabt in Schweiklberg. Und trotzdem, in diesem kleinen Teil des Artikels ist „Ruf“ und „Berufung“ etwas, was über jedes klerikale oder geweihte Leben hinausgeht, Gott sei es gedankt.

» Wenn das Christsein im Allgemeinen und die Gefährtenschaft im Besonderen zur bloßen Bestätigung des gesellschaftlich Selbstverständlichen wird, wenn Christen in der Weise ‚sesshaft‘ geworden sind, dass ihr Glaube nicht mehr ‚unterwegs‘, zu neuen Aufbrüchen fähig ist, dann ist etwas Entscheidendes verloren gegangen und die Gefährtenschaft zum Junggesellentum mutiert. «
Gmainer-Pranzl, Franz (2011): Alleine leben – andere begleiten, in: ders. (Hrsg.): Alleine leben – mit anderen sein. Ein christlicher Lebensentwurf, Würzburg, 80.

Exklusive Partnerschaft – inklusive Bindung in Gemeinschaft – Gefährtenschaft

Der Salzburger Theologe Franz Gmainer-Pranzl[3] beschreibt drei Lebensformen, die als ausdrückliche Antwort eines Menschen auf einen Ruf Gottes denkbar sind. Da ist zum einen die exklusive Partnerschaft der Ehe, die Weggemeinschaft zweier Menschen; da ist zum anderen die inklusive Bindung eine Menschen in eine Gemeinschaft; und da ist zum dritten für die allein lebenden Menschen die Lebensform der Gefährtenschaft, die weder die exklusive Partnerschaft noch die inklusive Bindung an eine Gemeinschaft kennt und von daher auch die am wenigsten gesicherte Lebensform als Antwort auf Gottes Ruf ist.

Gmainer-Pranzl beschreibt Gefährtenschaft als partizipative Weggemeinschaft. Um die Anfangsworte des Konzilsdokumentes über die Kirche in der Welt von heute zu zitieren: Weggefährtinnen und Weggefährten nehmen teil an Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, mit denen sie unterwegs sind. Weggefährtinnen und Weggefährten sind Menschen, die Allein-Stehende sind, die Selbst-Stand haben und die immer wieder aus Sicherheiten und Geborgenheit aufbrechen. Menschen, die Gefährtenschaft leben, sind selbstständig und beziehungsfähig. Menschen in der exklusiven Partnerschaft leben vor allem das Verbundensein in der Paarbeziehung; Menschen, die in der inklusiven Gemeinschaft leben,  sind sich des Solidarischseins in der Beziehung zur Gemeinschaft sicher; Gefährtenschaft bezeichnet das Unterwegssein in den vielfältigen Vernetzungen, die sich anbahnen und zeigen; geistlich gesprochen: in die man als Gefährte und Gefährtin hinein gerufen und berufen ist.

» Katholizität ist die Fähigkeit, den Anspruch des christlichen Glaubens in die Vielfalt menschlicher Erfahrungen zu übersetzen. «
Gmainer-Pranzl, Franz [online] https://www.youtube.com/watch?v=wNp3hC8Yi8w [29.04.2020]

Lebensformen – statt Stände!

Ein erster Gewinn: Es macht einen großen Unterschied, von Ständen in der Kirche oder von kirchlichen Lebensformen zu reden. Kirchliche Stände:  Im Hochgebet wird von der „Gemeinschaft mit unserem Papst Franziskus, unserem Bischof Rainer und die Gemeinschaft der Bischöfe, unseren Priestern und Diakonen“ gesprochen, das mag den Aufbau der klerikal verfassten Kirche beschreiben, der Begriff der „Gemeinschaft“ müsste noch im Leben eingeholt werden. Und wo sind die anderen, mit denen ich in Gemeinschaft lebe? Sie wissen, ich nenne immer die Ordensleute und die Eheleute, und die, die alleine leben wollen und alleine leben müssen – jetzt wissen Sie, warum.

Ein zweiter Gewinn: Die unsinnige Aufteilung zwischen ordinierten und nichtordinierten Menschen, zwischen Verheirateten und nicht Verheirateten hört auf, wenn aus Glauben heraus die Lebensform gewählt wird, die Antwort gibt auf Gottes Ruf: exklusive Partnerschaft in der Ehe, inklusive Bindung in Gemeinschaft, Gefährtenschaft. Der Diözesanpriester ist dann auf einmal mit jemandem, der vielleicht als Künstler oder Lehrer oder der Schulleiterin und der Musikerin „Gefährte“ und hört endlich auf, sich über seine „ontologisches Plus“ der Weihe zu definieren. Das, was Menschsein und Christsein ausmacht, wird in verschiedenen Lebenskonstellationen gezeigt.

Ein dritter Gewinn: Die Lebensform als bewusste Antwort auf einen Ruf Gottes kann im Gottesdienst betend begleitet, gestaltet, z.T. initiiert werden, z.B. im Sakrament der Ehe, in der Gelübdefeier oder im privaten Gelübde. Neben den kirchlichen Lebensformen gibt es mehrheitlich nicht-religiöse Formen des Zusammenlebens mit Partner/Partnerin, in Wohngemeinschaften (sei es auf Zeit, sei es lebenslang), in Gefährtenschaften, die im Studium bestehen, die über Patenschaften entstehen, die ein Leben lang halten. Das wäre doch ein lebensweltorientiertes Angebot, wenn diesen nicht-religiösen Formen auch Segenszeichen und wohlwollende Aufmerksamkeit seitens der Kirchen angeboten werden könnten. Die Segensfeier am Valentinstag für die, die schlicht Freunde und/oder Freundinnen sein wollen, die feierliche Segensfeier für Paare, denen das Sakrament der Ehe eher fremd ist; die Begleitung von Gemeinschaften, die sich politisch, ökologisch, im Bereich der Menschrechte usw. engagiert.

Wie gesagt, mehr als die Hälfte der Haushalte in Köln sind Single-Haushalte. Man würde den Menschen nicht gerecht, würde man annehmen, ihnen fehlte was. Vielleicht haben sie das, was uns in der Kirche oft fehlt: Gefährtinnen und Gefährten. Vielleicht sind sie einander das, was der Kirche oft fehlt: Gefährtinnen und Gefährten.

Gut, dass wir uns haben – Ihr wisst schon….

Amen.

Köln, 03.05.2020
Harald Klein

[1] Vgl. [online] https://www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf15/statistik-standardinformationen/zahlenspiegel_d_11-2019_bfrei_n.pdf [29.04.2020)

[2] Hemmerle, Klaus (1988): Ruf/Beruf/Berufung, in: Schütz, Christian (Hrsg.): Praktisches Lexikon zur Spiritualität, Freiburg, 1068f.

[3] Vgl. für das Folgende Gmainer-Pranzl, Franz (2011): Alleine leben – andere begleiten, in: ders. (Hrsg.): Alleine leben – mit anderen sein. Ein christlicher Lebensentwurf, Würzburg, 43-90.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.