Versuchung – oder: Mit den wilden Tieren leben

Versuchung Jesu – bei Markus kurz und knapp

Wo Matthäus und Lukas beinahe ein ganzes Kapitel für benutzen, verwendet Markus einen einzigen Satz: „Dort – in der Wüste – blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt.“ Es bleibt der Fantasie und der inneren Schau der Hörenden oder Lesenden überlassen, sich dies Szene auszumalen: die Steinwüste Israels, vierzig heiße Tage und genauso viele kalte Nächte, Schweiß, Entbehrung, inneres Ringen – was hält ihn eigentlich dort? Ein inneres Versprechen oder ein Vorsatz? Eine Art Askese im Sinne von „ich will Gott zeigen, was ich kann“?

Beim Bibelgespräch im Baltrumer Pfarrhaus waren wir uns einig darüber, dass es wohl eine tiefe innere Sehnsucht in Jesus gegeben haben muss: Was ist mein Weg? Wo soll ich hin? Bist du da? Gehst du mit? Stärkst du mich? – Und nachdem Jesus wohl so etwas wie eine innere Gewissheit hatte, konnte er wieder nach Galiläa gehen und dort das Evangelium Gottes verkünden: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.“

Er lebte bei den wilden Tieren…

Österliche Bußzeit ist eine Zeit der eigenen, der inneren Neuausrichtung auf Jesus, der uns Gefährte sein will. Es nützt nichts, über das Leben Jesu von Nazareth Bescheid zu wissen, wenn es keine Relevanz für mein eigenes Leben hat – für das Leben Haralds in Köln, für Ihr Leben an dem Ort wo Sie leben. Vor allem nützt es nichts, wenn es keine Relevanz für das Leben Jesu Christi in mir, in Ihnen hat.

Einen einzigen knappen Satz möchte ich Ihnen da mitgeben: „Er lebte bei den wilden Tieren…“. Schauen Sie mal auf Ihre Zeiten in der „Wüste“, auf Ihre Erfahrungen von hitzigem Gemüt, von Gefühlskälte, auf die Erfahrungen von Sinnsuche, von Sinnlosigkeit, von inneren Stimmen, die wie die wilden Tiere brüllen können. Erfahrungen von Depression können dazugehören, auch von manischen Momenten. Von Sehnsucht, die Scham auslöst, von Idealen, hinter denen Sie zurückbleiben, von Taten, die nicht mehr ungeschehen zu machen sind. Und schauen Sie auf die vielen Versuche, die Mühe, die Sie aufbringen, um all dem zu entfliehen. – So bekommen Sie einen Geschmack von „Versuchung“, all das schwingt in dem kleinen Satz bei Markus mit. Jesus „lebte bei den wilden Tieren“ – er hält das alles aus, lässt es um sich herum sein, flieht all dem nicht. Ich glaube, dass ist die Frucht der Gewissheit Gottes in seinem Leben und für sein Leben. Nicht fliehen – weil ich all dem nicht entfliehen kann. Stattdessen: „Und er lebte mit den wilden Tieren…“

… und die Engel dienten ihm

Und dann schauen Sie, was passiert: „… und die Engel dienten ihm!“ Mir fällt Dietrich Bonhoeffer ein, und sein Wille zu „Widerstand und Ergebung“. Leben in der Wüste ist Widerstand – dem Glauben widerstehen wollen, dass ich mit irgendwelchen Techniken und irgendwelchem Tun die wilden Tiere in mir besiegen kann. Stattdessen „Ergebung“: lernen, mit den wilden Tieren zu leben – und in all dem Gottes gewiss zu sein. Er wird die „Engel“ schicken, die meinem Leben mit diesen wilden Tieren dienlich sind. Freunde und Freundinnen, Gefährtinnen und Gefährten, mit denen ich durchs Leben gehen kann, in allem – sei es in Worten, sei es in Vollzügen – die Frohe Botschaft verkündend und die Zeit als erfüllt erlebend. So verstehe ich zumindest diese ersten Worte Jesu im Markusevangelium: „Das Reich Gottes ist nahe, Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“

Drei kleine Merksätze aus der Kontemplation[1]

Das geschieht nicht von selbst, das braucht Übung und Einübung. Drei Sätzchen möchte ich Ihnen mitgeben, die aus der Einführung in das kontemplative Gebet stammen. Nicht nur dann, aber ganz besonders dann, wenn die „wilden Tiere“ laut werden, sich sagen: „Komm zurück – und bleibe!“ Das ist die Wüstenerfahrung Jesu: komm zurück in die Verbundenheit mit Gott, und versuche zu bleiben. Das zweite Sätzchen zielt auf „Widerstand und Ergebung“, es lautet: „Lass es geschehen!“ Sie können nichts daran ändern, dass diese „wilden Tiere“ laut werden, sie vielleicht sogar bedrohen, aber statt zu kämpfen oder sich im Widerstand abzumühen, können Sie sich entscheiden, es einfach geschehen zu lassen. Und dann greift der dritte Satz: „Lass es durch Dich hindurchgehen.“ Nicht im Sinne von „Die Zeit heilt alle Wunden“ – das tut sie nicht! Aber im Sinne von „Das ist nicht alles!“ oder „Du bist nicht das wilde Tier“. Sondern: Ja, es ist jetzt da, aber es wird wieder gehen. Leben Sie mit den wilden Tieren, und halten Sie Ausschau nach den Engeln, die Ihnen dienen wollen und dienen können.

Mir scheint, dass das die Umkehr ist, die Markus in dem einen Satz beschreibt: Lernen, mit den wilden Tieren zu leben; wahrzunehmen, dass es Engel gibt, die mir dienen; und all das mit drei kleinen Sätzen einzuüben: „Komm zurück, und bleibe da“, „Lass es geschehen!“ und „Lass es durch Dich hindurch.“ Uns sind vierzig Tage Zeit des Einübens gegeben. Ich hoffe, sie dafür nutzen zu können.

Amen.

Harald Klein, Köln

[1] Diese drei kleinen Sätze verdanke ich Braun, Ferdinand (2017): Ich suche nicht, ich finde, Hinführung zur Kontemplation, München.

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