Vierter Adventssonntag: Das Leuchten aufbewahren

Ein Rückblick, um Sie hereinzuholen

Es ist nicht ganz fair, wenn drei Adventspredigten sich an einem Gedicht aufhängen, und zum vierten Advent wechselt der Prediger die Gemeinde und predigt dann zum vierten Mal zu diesem Gedicht, zum Hilde Domins „Indischem Falter“. Ich möchte Ihnen von meinem Weg, von meinen drei Stationen durch den Advent erzählen, den ich mit diesem Gedicht als kleinem Adventskalender an der Seite gegangen bin. Die vierte Station werden Jasin Prehn und Matthias Ermel ergänzend übernehmen, warum, das erfahren Sie auf meiner Reise durch den Advent.

Hilde Domin: Indischer Falter

Ich lese Ihnen Hilde Domins Gedicht einmal vor, auf die einzelnen Bilder und Metaphern komme ich dann zurück.

Vielleicht sind wir nichts als Schalen
womit der Augenblick geschöpft wird.

In einem alten Mann,
der umfällt in Hamburg oder Manhattan stirbt ein Schmetterling
die blauen Flügel öffnend
– seit dreißig Jahren
in Ankhor-Vath.

Vielleicht wird nichts verlangt von uns
als ein Gesicht
leuchten zu machen,

bis es durchsichtig wird.

Und das Leuchten dieses einen Gesichts aufzubewahren
wie der alte Mann
den Glanz seines indischen Falters.

Bis wir hingelegt werden
und alles für immer

erinnern – oder vergessen.[1]

Der Erste Advent: Wer ist das „Wir“?

Spätestens der erste Advent verwandelt unsere Straßen in eine Kinderlandschaft, unsere Geschäfte in ein übergroßes Süßigkeiten-Angebot. Am 09. September hätte ich in meinem Lebensmittelladen Dresdener Stollen kaufen können. Häuser werden geschmückt, Kekse gebacken, Geschenke besorgt – alles gut, aber das wichtigste ist da nicht dabei: „Vielleicht sind wir nichts als Schalen, womit der Augenblick geschöpft wird“, schreibt Hilde Domin. Ich habe es für mich auf den Punkt gebracht: Es geht nicht darum, andere Wege zu gehen, es geht nicht darum, irgendetwas „Adventliches“ zu tun, sondern gewohnte Wege einmal anders zu gehen. Nicht anderen Menschen begegnen zu wollen, sondern den vertrauten Menschen anders zu begegnen. Das Bild der Schale, die den Augenblick, die das Jetzt schöpft, betrachtet, gut damit umgeht. „Vielleicht sind wir nichts als Schalen“ – wer ist das „Wir“? Die, mit denen ich das tun kann. Die, die ich ansehe und betrachte, und die, die mich ansehen und betrachten. Die mir vertrauten Menschen um mich herum.

Der Zweite Advent: Von der Schönheit des Schmetterlings

Der zweite Absatz in Hilde Domins Gedicht klingt traurig. „In einem alten Mann, der umfällt in Hamburg oder Manhattan, stirbt ein Schmetterling, die blauen Flügel öffnend – seit dreißig Jahren in Ankhor-Vath.“ Drei Orte sind genannt, Hamburg, Manhattan und Ankhor-Vath, das große Hindu-Heiligtum in Kambodscha. Drei Orte – was beschrieben wird, geschieht einfach überall. Aber es heißt nicht: „Ein alter Mann fällt um…“, sondern: „In einem alten Mann, der umfällt, in dem stirbt ein Schmetterling, die blauen Flügel öffnend, seit dreißig Jahren. Die Frage, die zweite Station dieses Advents: Was sehe ich, wohin schaue ich? Auf das Altern, seit dreißig Jahren, auf das Umfallen, das mehr oder weniger vor der Türe steht und sich abzeichnet? Oder auf die blauen Flügel, auf das, was sich geöffnet hat, was sich noch öffnen will, sogar auf den althergebrachten Wegen, die ich anders gehe? Das ist wie das Öffnen der Türchen am Adventskalender: Die Bereitschaft, in allem Umfallen und Altwerden den Blick auf die blauen Flügel des Schmetterlings zu richten, und dadurch am Leben, ganz nah am Leben zu bleiben.

Der Dritte Advent: Ein Gesicht leuchten machen

„Vielleicht wird nichts verlangt von uns, als ein Gesicht leuchten zu machen, bis es durchsichtig wird.“ Die Werbung im Fernsehen lebt in diesen Wochen davon, große Kinderaugen und zutiefst gerührte Großeltern zu zeigen, und manchmal liegt es nur an den Lindt-Pralinen oder am Lifta-Treppenlift. Damit würde sich Hilde Domin nicht abgeben, und das hieße auch, den Adventsweg verfehlen, den ich in ihrem Gedicht herauslese. Sie können sich gerne die adventlichen Bilder des Jesaja anschauen, oder die Hoffnung des Täufers Johannes im Gefängnis; aber ich vermute, Sie haben genügend Momente, an die Sie sich erinnern oder die in Ihrer Sehnsucht wach sind, die mit einem leuchtenden Gesicht verbinden sind – sei es, das Ihr Gesicht leuchtete, sei es, dass Sie das Gesicht eines anderen Menschen zum Leuchten brachten. Hilde Domin spricht übrigens nur von dem einen Gesicht. Das eine Gesicht genügt. Die dritte Station auf dem adventlichen Weg: Nach dem anderen Gehen auf denselben Wegen und mit denselben Menschen, nach der Ordnung der Blicke nicht auf das Sterbende, das Tödliche, sondern auf das Schöne und das Lebende hin jetzt der Impuls: „Vielleicht wird nichts verlangt von uns, als ein Gesicht leuchten zu machen, bis es durchsichtig wird.“

Vierter Advent: Das Leuchten aufbewahren

An diesen Vers schließt Hilde Domin den letzten an: „Vielleicht wird nichts verlangt von uns, als ein Gesicht leuchten zu machen, bis es durchsichtig wird. Und das Leuchten dieses einen Gesichts aufzubewahren, wie der alte Mann den Glanz seines indischen Falters. Bis wir hingelegt werden und alles für immer erinnern – oder vergessen.“ Der vierte Advent nimmt alle drei Jahre die Begegnung von Elisabeth und Maria ins Evangelium, das Tagesgebet ist immer das Schlussgebet des „Angelus“, des Engels des Herrn. Im Kind, das im Leib der Elisabeth hüpfte, als sie den Gruß Marias hörte – da beginnt das Leuchten; im heutigen Evangelium, das den Täufer im Gefängnis zeigt, setzt sich dieses Leuchten fort. Das ist ein adventliches Leben, wenn das Leuchten auf dem Gesicht anderer, das seinen Grund in mir hat, und wenn mein leuchtendes Gesicht, das seinen Grund in einem anderen hat, wenn dieses Leuchten „bleibt“, wenn ich es aufbewahren kann.

Jasin und Matthias haben dieses Leuchten auf dem Gesicht anderer erlebt, als sie gemeinsam mit Irmhild im Herbst in Russland, genauer in Wolgograd waren. Davon werden sie ein wenig erzählen und es mit Bildern illustrieren.

Es folgt das Erzählen zu den Bildern aus Wolgograd.

Köln 19.12.2019
Harald Klein

[1] Quelle: Hilde Domin, Gesammelte Gedichte. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1987.

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