Wählen und entscheiden bei Paulus

„Lebt so, wie es dem Evangelium Christi entspricht“ (Phil 1,27).

Leben oder Sterben? Im Philipperbrief schildert Paulus eine große Wahlsituation; nicht, dass er sie eigentlich lösen könnte, aber er kann sich zu zwei Seiten verhalten: „Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbare Arbeit. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht. Es zieht mich nach beiden Seiten hin: Ich sehne mich danach aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das! Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe. Im Ver-trauen darauf weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen ausharren werde, um euch im Glauben zu fördern und zu erfreuen“(Phil 1,21-26a).
Das Kriterium der Wahl: Paulus kann seine Sehnsucht, sein Wählen, seine Entscheidung nach beiden Seiten hin ausrichten, beides kann der, der in Verbundenheit mit Christus lebt, verstehen. Was führt ihn nun zum „Bleiben“ statt zum „Aufbrechen“? Er hat sich ein einziges Kriterium der Wahl gesucht – und uns als bleibendes Kriterium geschenkt -, das auch für den hl. Ignatius zur Richtschnur des Wäh-lens, des Entscheidens und des Handelns geworden ist – das Beispiel Christi selbst, wie es im Christushymnus in Phil 2,5-11 überliefert ist:

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:
Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen, er erniedrigte sich,
war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen,
und jede Zunge bekennt:
Jesus Christus ist der Herr, zur Ehre Gottes des Vaters.“

Kriterien einer „paulinischen“ Wahl

Im Klartext: Wenn Paulus wählen muss, helfen ihm folgende Fragen und Schritte: (1) Das innere Nachahmen des Sich-Entäußerns: sich leer machen von eigenem Habitus, eigenem Stand, eigenem Urteil, eigenem Planen und Wollen, um dem Geist des Herrn Raum zu schaffen, dass Er diesen Raum erfülle; (2) Sich fragen: welche Alternative entspricht mehr dem Leben in Christus Jesus, entspricht mehr dem Leben Jesu Christi in mir? (3) Vorausmeditierend wie ein Sklave werden, sich erniedrigen, auf die Stufe der Menschen (im Vergleich zu Gott) gehen: welche Alternative dient mehr den Men-schen, dient mehr dem Vater – dient daher auch mehr mir selbst? (4) und schließlich der Gehorsam, der bei Christus Jesus bis zum Tod am Kreuz geht: dem nachgehen, was sich mir im Blick auf Christus, im Hören auf ihn zeigt, auch wenn es dem ersten Anschein nach ins Leiden führt, aufs Kreuz zugehen lässt. – Dafür braucht es ein großes Vertrauen in den Herrn, braucht es eine innere Größe, eine verlie-hene Vollmacht, die Paulus aber in seinem Wandel vom Saulus zum Paulus erfahren, geschenkt bekommen hat.Anwendung dieses Kriteriums: In seinem Schreiben an die Philipper taucht diese Form des Wählens und Entscheidens einige Male konkret durchgeführt auf. In Phil 1,24 kommt das Dienen besonders schön zum Ausdruck: „Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.“ – Wie in einem Negativbild klagt er später über schlechte Mitarbeiter in Phil 2,21: „Alle suchen ihren Vorteil, nicht die Sache Jesu Christi.“ Er sieht sich im Gefängnis als Bedürftigen, weiß sich als Apostel Jesu Christi in „Bedrängnis“, und freut sich, dass die Schwestern und Brüder in Philippi ihn gerade dann unterstüt-zen, ihm dienstbar sind (Phil 4,15f) – so leben sie als „Gemeinde (…), wie es dem Evangelium Christi entspricht.“ (Phil 1,27). Und in Phil 3,10-12 bringt Paulus schließlich den Zielpunkt allen Wählens und Entscheidens ins Wort: „Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich auch zur Auferstehung von den –Toten zu gelangen. Nicht, dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin.“ – Wäh-len als ein von Christus Ergriffener: Christus mag hier Subjekt sein, der, der den Paulus ergreift, beruft, bevollmächtigt; er kann aber auch Objekt sein: von ihm ist Paulus ergriffen, wie er es ja im Hymnus beschreibt. Allemal ist Christus für Paulus der, auf den hin die Wahl geschieht, sogar der, der letztlich in ihm wählen darf und soll.

Für das Gebet und das Gespräch in der Gruppe:

Für das Gebet des einzelnen oder das Gespräch in der Gruppe können folgende Fragen hilfreich sein:

  • Eine Entscheidungssituation vergegenwärtigen, in der es nicht um „gut“ und „schlecht“, sondern um „gut“ und „besser“ geht oder ging.
  • Sich das Kriterium und die Schritte des Paulus vor Augen haben: (1) Leer werden, sich entäußern, dem Heiligen Geist mehr Platz einräumen als dem eigenen Planen und Wollen; (2) Fragen: welche Alternative entspricht mehr dem Leben Jesu Christi – in mir? (3) Urteilen: welche Alternative dient mehr den Menschen, dem Lobpreis Gottes – damit mir? (4) Im Gehorsam die ersten Schritte formulieren – und gehen.
  • Für die Gruppe kann es hilfreich sein, solche Entscheidungsprozesse einzelner oder der Gruppe nach diesem paulinischen Schema anzugehen, auch, um Paulus auf diese Weise besser kennen zu lernen und sein Wirken nachvollziehend zu verstehen.

Harald Klein, Königstein

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