Weihnachten: Sehen – und sich sehen lassen

Weihnachten ist ein Augenfest

Man könnte meinen, jedes Jahr ginge es ein wenig früher los. Am 9. September hätte ich in meinem Rewe in Köln den ersten Dresdner Christstollen kaufen können. Und spätestens Mitte Oktober werden die Lichterketten an den Straßenzügen und in den Geschäften aufgehängt. Weihnachten – zuerst wohl ein Fest für die Augen.

Das wird im Jahre 1223 wohl auch der Grund gewesen sein, warum der hl. Franziskus in Greccio eine erste Krippe hat aufbauen und ein erstes Krippenspiel hat aufführen lassen. Mit ihren eigenen Augen sollten die Menschen sehen, was da an Weihnachten geschehen ist.

Und das ist heute so, wenn Sie zum Gottesdienst kommen. Die wachsende Kerzenzahl durch den Advent, die Tannenbäume im Altarraum, die Krippe hier an den Stufen des Altars: Weihnachten ist zuerst wohl ein Fest für die Augen.

Weihnachten – „Wo Augen Dich ansehen“

Wir müssen aufpassen, dass wir an Weihnachten bei all dem, was es zu sehen gibt, den nicht aus dem Blick verlieren, der des Ansehens wirklich wert ist. Das Gedicht „Es gibt Dich“ von Hilde Domin bringt dieses Ansehen ins Wort:

Dein Ort ist
wo Augen Dich ansehn.
Wo sich die Augen treffen
entstehst Du.

Von einem Ruf gehalten,
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.

Du fielest,
aber Du fällst nicht.
Augen fangen Dich auf.

Es gibt Dich,
weil Augen Dich wollen,
Dich ansehen und sagen,
dass es Dich gibt.“[1]

„Dein Ort ist, wo Augen Dich ansehen.“ Dieser Ort ist die Krippe, ist Weihnachten. Es sind die Augen von Josef und Maria, vom den Engeln, von den Hirten, von Ochse, Esel, von den Schafen. Und von klein auf, von Geburt an wird deutlich: „Wo sich Augen treffen, entstehst Du.“ Jesus kann nur Jesus für die Menschen sein, wenn sich deren Augen treffen, wenn sie sich ansehen, wenn der eine beim anderen Ansehen hat. Weihnachten ist ein Augenfest.

Gerne würde ich Ihnen mit diesem Gedicht von Hilde Domin drei Geschenke für die Weihnachtstage mitgeben.

» Wo sich die Augen sich treffen, entstehst Du. «
Domin, Hilde (1987): Gesammelte Gedichte, Frankfurt/Main, 208.

Jesus in den Blick nehmen

Das erste Geschenk: Nehmen Sie den, dessen Menschwerdung wir heute feiern, mal in den Blick. Welches Ansehen genießt Jesus bei Ihnen? Was, wen sehen Sie, was, wer fällt Ihnen in die Augen, wenn Sie sich Jesus als Ihnen gegenüber sitzend oder stehend vorstellen? Und bei dem, was Sie sehen, was sich Ihnen zeigt, bleiben Sie, verkosten Sie es, kommen Sie auf den Geschmack. Spüren Sie die Wahrheit der letzten Strophe des Gedichts sie gilt auch für Jesus, den menschgewordenen Gott: „Es gibt Dich, weil Augen Dich wollen, Dich ansehen und sagen, dass es Dich gibt?“

Sich selbst von Jesus ansehen lassen

Das zweite Geschenk: Lassen Sie sich vom Kind in der Krippe anschauen. Nehmen Sie sich Zeit, um das Ansehen, das Ihnen der menschgewordene Gott schenkt, wirklich zu genießen, innerlich zu verkosten. Nehmen Sie die letzte Strophe des Gedichts von Hilde Domin als Stimme Jesu. „Es gibt Dich, weil Augen Dich wollen, Dich ansehen und sagen, dass es Dich gibt!“ Ahnen Sie, wie viel Freiheit diese Zusage des menschgewordenen Gottes an Sie Ihnen gibt?

Im anderen den menschgewordenen Gott sehen

Und schließlich das dritte Geschenk, ich habe es aus Indien mitgebracht, und ich freue mich darauf, im kommenden Januar wieder in diesem faszinierenden Land sein zu dürfen. Dieses dritte Geschenk ist das „Namastè“, ist der Begrüßungsspruch der Inder. Die Hände werden vor der Brust gefaltet, man verneigt sich voreinander und grüßt sich mit dem Hindi-Wort „Namastè“, übersetzt soviel wie „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in Dir.“ Ein indischer Franziskanerpater machte mich darauf aufmerksam, dass diese Haltung den wohl größten Unterschied zwischen europäischer und indischer Spiritualität, zwischen europäischem und indischem Menschenbild sei. Wir Europäer müssen uns Gott erst verdienen, uns anstrengen, alles Mögliche herstellen, Gebote beachten, Verbote einhalten, um unsere Ebenbildlichkeit Gottes aufzupolieren. Ihr seid sehr verkrampft im Umgang mit dem Göttlichen, meinte er. Im indischen Denken sei dies genau umgekehrt. Da geht es nicht ums Herstellen, sondern ums Darstellen; da geht es nicht um Gebote halten und Verbote beachten, sondern um das Annehmen dessen, was schon ist, und um das Leben aus dieser Annahme – im doppelten Sinne wohlgemerkt. „Im anderen den menschgewordenen Gott sehen, der Wohnung genommen hat in Dir“, dieses „Namastè“ leben – ahnen Sie, was das bedeutet, wenn Menschen sich so ansehen? Noch einmal Hilde Domin: „Es gibt Dich, den menschgewordenen Gott in Dir, weil Augen Dich wollen, Dich, den menschgewordenen Gott in Dir, weil sie Dich ansehen, den menschgewordenen Gott in Dir, und weil sie sagen, dass es Dich gibt.“ Nicht nur dem anderen die Chance einräumen, dass in ihm, in ihr der menschgewordene Gott leben könne, sondern es als Tatsache nehmen, es ihm oder ihr zusprechen, ihm oder ihr dieses Ansehen zusprechen.

Weihnachten – ein Augenfest, auch in der Sprache der Liturgie

Sie finden in der Sprache der Liturgie dieses „Fest der Augen“ an Weihnachten wieder. „In dieser hochheiligen Nacht ist uns das wahre Licht aufgestrahlt. Lass uns dieses Geheimnis im Glauben erfassen und bewahren, bis wir im Himmel den unverhüllten Glanz deiner Herrlichkeit schauen“, heißt es im Tagesgebet. Das macht Weihnachten aus – auch über die Feiertage hinweg – dem verhüllten Glanz der Herrlichkeit Gottes Ansehen geben und ihn so aufdecken, in den Begegnungen mit Christus im Beten und in der Begegnung mit den Menschen in uns selbst und im anderen. Da wird Menschwerdung Gottes und Menschwerdung des Menschen ganz handgreiflich.

Die Gnade Gottes, die Menschenfreundlichkeit Gottes sei erschienen, um alle Menschen zu retten, heißt es in der 2. Lesung aus dem Titusbrief. Auch hier gilt: Das macht Weihnachten aus – auch über die Feiertage hinweg – der Menschenfreundlichkeit Gottes ein Ansehen schenken und sie ihn so immer wieder entdecken, in den Begegnungen mit Christus im Beten und in der Begegnung mit den Menschen in uns selbst und im anderen. Da wird Menschwerdung Gottes und Menschwerdung des Menschen ganz handgreiflich.

Und dann der Gesang der Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ Friede auf Erden ist nicht unbedingt unser Geschäft, wir können kleiner beginnen. Hilde Domin Gedicht: „Dein Ort ist, wo Augen Dich ansehen. Wo sich Augen treffen, entstehst Du.“ Wo Augen sich treffen, wo Ansehen geschieht und Ansehen geschenkt wird, da erwächst die Ehre Gottes und der Frieden auf Erden. Weihnachten als Augenfest: Christus anschauen, immer und immer wieder; sich von Christus anschauen lassen, immer und immer wieder, und im Gegenüber Christus erkennen wollen, immer und immer wieder – „Es gibt Dich, weil Augen Dich wollen, Dich ansehen und sagen, dass es Dich gibt.“

Amen.

Köln, 24.12.2019
Harald Klein

[1] Quelle: Hilde Domin, Gesammelte Gedichte. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1987,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.