Wie gehen Völker mit ihrer Vergangenheit um?

Volkstrauertag im Westerwald

„Ich hatt’ einen Kameraden“ – dem Volkstrauertag an unserer Kapelle, unweit meines Elternhauses verdanke ich, dass ich dieses Lied kenne. Jährlich an einem Sonntag im November trifft sich sonntags um 14:00 h die Ortsgemeinde, meist in Person des Bürgermeisters zusammen mit Vertretern der Ortsvereine und der Parteien zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Kränze werden niedergelegt, die Blaskapelle spielt, für ein Gebet ist selten Zeit. Dunkel erinnere ich mich der kindlichen Frage, was das denn nun solle…- und die Szene kommt mir unter dem mir aufgegebenen Artikel wieder und neu in den Sinn: Was soll das?

Renovierung der Gedenkstätte?

Prof. Josef Freise erzählt von der Renovierung einer Gedenkstätte für die Gefallenen – in meinem Dorf spricht man noch vom „Kriegerdenkmal“ – im Münsterland, das renoviert werden sollte. Auf einem Kapitell stand ursprünglich das Zitat aus der Offenbarung „“Getreu bis in den Tod“ (Offb 2,10b). Sollte diese Inschrift bleiben? Eine Rückfrage an das Ordinariat ergab, dass man darauf verzichten solle, schließlich würde hier einem biblischen Text Gewalt angetan. Der Denkmalschutz sprach dagegen. Die Lösung: die Schrift blieb, aber ein erklärendes Schild wurde zum Denkmal gestellt. Und dieses Schild wurde von Betrunkenen dann demoliert und demontiert. Wieder die (kindliche?) Frage: was soll das? Renovierung eines „Kriegerdenkmales“? Vaterlands- und Gottestreue in einem Atemzug?

Sieger und Verlierer, Täter und Opfer

Hinter diesen beiden Erfahrungen steht eine größere Frage: Wie gehen Völker und Kulturen, wie gehen Orts- und Pfarrgemeinden mit ihren Erinnerungen – und damit mir ihrer Vergangenheit – um? Ein erster Antwortversuch nimmt den „Standpunkt“ und die „Richtung“ in den Blick: aus welcher Perspektive heraus geschehen Erinnerungen, und welche Richtung nehmen die Erinnerungen an? Haben die Erinnerungen einen triumphalen Beigeschmack, als Parade etwa, als Feuerwerk – und strahlt hier die Perspektive des Siegers auf – oder ist es die Perspektive des Verlierers, die z.B. in Kranzniederlegungen, in Gräberkerzen oder eher „molliger“ Musik der Bläser zum Ausdruck kommt. Erinnern wir uns als Sieger – oder als Verlierer? Erinnern wir uns als Täter – oder als Opfer?

Denkmäler, Gedenktage und Stolpersteine

Drei Hilfen zur Erinnerung an die Vergangenheit finden sich in unserer politischen Gegenwart: Denkmäler, Gedenktage und Stolpersteine. Und auch hier geht es um Richtung und Perspektive. Allein schon der Ort der Denkmäler und die Weise der Zugänglichkeit zu ihnen lassen auf Standpunkt und Perspektive rückschließen. Wer sich erinnern will, muss die Erinnerung und muss die Denkmäler, die Zeichen der Erinnerung gut platzieren und zugänglich halten.

Berliner Denkmäler

Da geht unsere Hauptstadt mit unserer Geschichte einen guten Weg. Es sei hier an das Holocaust-Mahnmal erinnert, das 2005 in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tors und des Reichstags als „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ – so der offizielle Name – eröffnet wurde. Drei Jahre später, im Mai 2008, wurde in unmittelbarer Nachbarschaft das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen errichtet, südlich des Reichstages entstand im Oktober 2012 die Gedenkstätte und das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Sinti und Roma Europas, im September 2014 wurde in der Tiergartentrasse 4 der „Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘-Morde eingeweiht, an dem Ort also, der der „Aktion T4“ im April 1940 ihren Namen gab. Die heutige Regierung hält durch diese „Denkmäler“, die alle öffentlich zugänglich sind, die Erinnerung an eine schuldbeladene Vergangenheit wach. Wenn dieses Wachhalten mit Gedenktagen verbunden wird und so auch ins Wort kommt und ins Bewusstsein gerufen wird, wird den Opfern der Vergangenheit eine Perspektive, eine Richtung auf Würde hin gegeben, die ihnen vor langer Zeit geraubt wurde und deren Leugnung ihnen das Leben kostete. Es geht nicht um eine Perpetuierung „unserer“ Schuld über Generationen hinweg, im Gegenteil: Das Erinnern an öffentlichen Orten und zu festgelegten Zeiten hat als Perspektive die Würdigung der Opfer, steht jetzt dafür ein, was einst verwehrt wurde.

Ein ähnliches und doch anderes Beispiel sind die „Stolpersteine“, die erstmals 1992 in Köln durch den Künstler Günther Demnig in die Straßen der Stadt eingelegt wurden. Auf den Messingwürfeln sind Namen und Daten der Deportierten eingeschrieben, sie werden vor den Wohnhäusern platziert und erinnern öffentlich und ständig an das grausige Geschehen in der Zeit des Nationalsozialismus. Bis zum Juni 2015 wurde diese Art des Gedenkens in vielen deutschen Städten – und mittlerweile auch von 18 weiteren Ländern in Europa – adaptiert. So wurden diese „Stolpersteine“ zum größten dezentralen Denkmal weltweit. Sie verkörpern eher ein „stilles“ Gedenken, die zwar einen „Ort“ aber keine „Zeit“ haben. Es kann ein „Gedenken im Vorübergang“ sein; für Menschen meiner Generation ist es aber beinahe unmöglich, im Moment des Vorübergangs diese Steine nicht wahrzunehmen – und so für einen Moment auch hier eine Perspektive der Würde für die Opfer der Verfolgung zu eröffnen.

Erinnern braucht einen Perspektivwechsel

Denkmäler, Gedenktage und Stolpersteine beziehen sich auf Unrecht und Entwürdigung von Menschen, die in der Vergangenheit geschah und noch nachwirkt. Was ist mit Unrecht aus jüngster Vergangenheit, besonders dann, wenn Sieger und Verlierer, wenn Täter und Opfer noch leben bzw. wenn die Strukturen, die ein Sieger-Verlierer-Geschehen, einen Täter-Opfer-Zusammenhang immer noch wirksam sind? Hier kommt die große Schwierigkeit in den Blick, eine eigene Tätervergangenheit aufarbeiten zu können. Der Anfang eines Lösungsweges kann nur in einem Perspektivwechsel liegen. Mitgefühl und Empathie sind hier die entscheidenden Haltungen, die dann einen wirksamen symbolischen Ausdruck suchen müssen und brauchen, um wirksam werden zu können. Wenn Täter sich empathisch und in der Haltung des Mitgefühls den Opfern zuwenden – im besten Fall gilt dies auch umgekehrt -, dann wird der jeweils andere zum Bestandteil der eigenen Identität und bleibt nicht abgespalten „draußen vor“.

Auf politischer Ebene sei an den Kniefall Willi Brandts am 7. Dezember 1970 in Warschau vor dem Ehrenmal der Helden des Warschauer Ghettos erinnert. Es ist eine gute Beschreibung, die bei Wikipedia zu finden ist, wenn es heißt, es handelte sich um eine „in aller Welt wahrgenommene ikonische Demutsgeste“ und um „ein wirkungsmächtiges Symbol der Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges“. Dieser Kniefall war ungeplant, und er wurde zum Vorzeichen für die Warschauer Verträge und für die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen. In der Person des damaligen Bundeskanzlers wurde wirkungsmächtig eine Täterschaft eingestanden und um Verzeihung in einer Weise gebeten, die angenommen werden konnte. Aus dieser Geste lebt heute noch eine deutsch-polnische Freundschaft.

Neben dem symbolischen Ausdruck gibt es andere Formen, die einen Perspektivwechsel einleiten und gestalten können. Eine dieser Formen ist der von Marshall Rosenberg im Zusammenhang mit der „Gewaltfreien Kommunikation“ beschriebene Ansatz des „Täter-Opfer-Ausgleichs“, dessen Wurzeln aber bis ins Recht des alten Babylon zurückgehen. Unter der Voraussetzung, dass beide Seiten diesen Weg bejahen, kann mit Hilfe eines neutralen Vermittlers (Mediator) eine Tat mit all ihren Ursachen und Folgen aufgearbeitet werden; neben dem Schuldeingeständnis steht auch die Bitte um Verzeihung und deren Gewährung, stehen vereinbarte Formen von Widergutmachung bzw. Ausgleichshandlungen und der Wille zur beidseitigen Beendigung des Unrechts. Hier geht es mehr als bei einer justiziablen Bestrafung, die nur den Täter im Blick hat, auch um die Würde des Opfers und um das Täter-Opfer-Verhältnis. Beide Seiten können selbstbestimmt miteinander einen Weg zur Befriedung aushandeln. Für Marshall Rosenberg ist dies der Königsweg in der Aufarbeitung gewaltvoller Geschehnisse.

Eine andere Art des symbolischen Ausdrucks des Umgangs mit Vergangenheit, die auf der gleichen Ebene wie der Täter-Opfer-Ausgleich liegt, ist der Ansatz des israelischen Psychologen und Friedensforschers Dan Bar-On. In seinem 2004 erschienenen Buch „Erzähl Dein Leben“ schildert er Begegnungen und Gespräche von Kindern der Holocaust-Täter und Holocaust-Opfern. Im Rahmen dieser Dialogarbeit, im Zuhören auf die Lebensgeschichte des anderen kann eine Art Mitgefühl für den politischen Feind erwachsen. In einer ganz bestimmten Form der Empathie geht es um die Frage, ob Täter auch die Geschichte der Opfer erinnern können – und umgekehrt. Die Lebensgeschichte des anderen aus dessen Perspektive in sich aufnehmen heißt wieder, diese Geschichte und den Erzählenden zum Teil der eigenen Identität werden zu lassen. Keiner ist mehr „der Fremde“ für den anderen, sondern wird Teil des eigenen (Er-) Lebens. Die gewaltvolle Vergangenheit kommt in der Gegenwart ins Wort, wird „aufgenommen“ in einem doppelten Wortsinn, verändert im Erzählen die Gegenwart und kann für eine neue Zukunft stehen.

Als gelungenes Beispiel für diese Form des „Story telling“ sei ein Forschungsprojet vorgestellt, dass unsere Katholische Hochschule im Sommer 2012 auf Zypern durchführte. Hier trafen sich palästinensische, israelische, deutsche, nord- und südzypriotische Studierende zu einer Summer School. Prof. Josef Freise, auf deutscher Seite der Verantwortliche für diese Summer School, beschreibt die Elemente dieses Projekts: vertrauensbildende Maßnahmen zu Beginn, das Zuhören bei den persönlichen Lebensgeschichten der jeweils anderen in gemischten Kleingruppen, die Reflexion in nationalen Kleingruppen, die inhaltlich thematische Vertiefung und die Thematisierung der Frage, welchen Beitrag jeweils einzelne für eine Veränderung der Gesellschaft leisten kann. Auch die gemeinsame Freizeitgestaltung und die organisatorischen Rahmenbedingungen spielten eine bedeutende Rolle, z.B. die gemeinsame Unterkunft, die gleichzeitig Begegnungs-, aber auch Rückzugsmöglichkeiten anbietet.

Die Summer School zielte darauf, den Abgrund zwischen „den anderen“ und „uns“ zu überbrücken. Wenn wahrscheinlich auch die Politik eines Landes nicht beeinflusst wird, so braucht dieses Ergebnis nicht als bloß irreal angesehen zu werden. Die Identität der Teilnehmenden verändert sich dadurch, dass die Geschichte – und damit die Person – des „anderen“ an- und aufgenommen und somit Teil der eigenen Identität wird. Viel wäre gewonnen, wenn diese Methode in der gegenwärtigen Flüchtlingsarbeit rezipiert würde!

Neue Wege, neue Orte – neues Wissen

Für die Summer School 2012 war der Ort wichtig. Durch den EU-Beitritt Zyperns ist die gespaltene Nation – ein Teil Zyperns ist griechisch, ein anderer Teil türkisch orientiert – jetzt eher befriedet. Für die angespannte Situation zwischen Deutschen bzw. Palästinensern und Israelis, war Zypern eher ein „neutraler“ Ort, die Methode des Story telling ein eher „neutraler“ Weg, auf dem neues Wissen umeinander erwachsen konnte. Um den Abgrund zwischen „den Fremden“ und „uns“ überbrücken zu können, braucht es neue Wege und neue Orte. Ein Beispiel dafür mag der 3. Oktober sein, der nicht nur „Tag der Deutschen Einheit“, sondern seit 1997 auch „Tag der offenen Moschee“ ist. Es macht einen Unterschied, ob z.B. einzelne Christen oder Abordnungen von Pfarreien oder Gruppierungen aus Gemeinden die Einladung und die Gastfreundschaft muslimischer Gemeinden annehmen, und ob die gemeinsame Geschichte miteinander hier ins Wort kommen kann oder nicht. Im gegenseitigen (!) Besuch an den je eigenen Orten kann sowohl „privat“ wie auch und vor allem „öffentlich“ Vergangenheit beendet und eine neue Zukunft eröffnet werden. – Ein anderes Beispiel ist der „Engel der Kulturen“, ein Kunstprojekt zur Förderung des interkulturellen Dialogs. Die Darstellung zeigt einen Ring, an dessen Rand die Symbole des Judentums, des Christentums und des Islam so eingelassen sind, dass das Herauslösen eines der drei Symbole den ganzen Ring zerstört. Seinen „Ort“ hat dieses Symbol vor allem außerhalb der Synagogen, der Kirchen und der Moscheen: auf Marktplätzen und auf Pilgerwegen, an Orten, die gemeinsam besucht werden können, ohne Verdacht auf Vereinnahmung! Hier können die Vertreter der drei abrahamitischen Religionen miteinander die Welt und deren Gestaltung aus einer gemeinsamen Verantwortung heraus in den Blick nehmen, hier können sie ihre eigene oft gewaltvolle Vergangenheit in den Blick nehmen und eine befriedete Zukunft eröffnen. Ein Blick auf die Homepage beeindruckt durch die vielfältigen Möglichkeiten, die dieses neue Symbol der friedvollen interkulturellen Identität ermöglicht.

Biblische Impulse

Zwei biblische Impulse seien am Ende weitergegeben, die zugleich ein Fundament für eine Vergangenheitsbewältigung wie auch einen Weg in eine friedvolle Zukunft weisen. Zum einen das „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (Ps 18,30): dieser Vers kann Leitbild für einen Weg der Überbrückung des Abgrunds zum „anderen“ hin, zum Überspringen der „Mauer“ sein, die in der Vergangenheit und durch die Vergangenheit erwachsen ist. Und dann Jesus selbst, der sich durch eine bittende Haltung der kanaanäischen (bei Mt) bzw. syrophönizischen (bei Mk) Frau dahingehend verändert, dass er sich auch „der Fremden“ zuwandte (Mt 15,21-28 und Mk 7,24-30). Es liegt an uns, ob wir – um das Bild dieser Bibelstelle zu gebrauchen – durch Festhalten an einer gewaltvollen Vergangenheit „auf den Hund kommen wollen“ oder beginnen können, mit unserem Gott Mauern zu überspringen. Und um den Bogen zum Beginn des Artikels zu schließen: Es gibt Wege, dass aus dem „Ich hatt‘ einen Kameraden“ neue Kameradschaften und Weggemeinschaften in einer kulturell und religiös vielfältigen Welt – auch auf dem Hintergrund von gewaltvoller Vergangenheit – erwachsen können.

Harald Klein, Köln

(Dem Artikel liegt ein Gespräch mit Prof. Josef Freise zugrunde. Dafür und für vieles mehr: Danke!)

Quellen:
www.engel-der–kulturen.de
www.josef-freise.de
www.stolpersteine.eu

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