6. Sonntag im Jahreskreis – Auf Augenhöhe statt von oben herab

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„Selig seid ihr…!“ – gesungen

Vom Schreibtisch aus kann ich nicht wissen, wie firm und sicher Sie in Kirchenliedern sind, auch in denen, die man zum „Neuen Geistlichem Lied“ zählt, selbst wenn es 1979 geschrieben wurde – gemeint ist der Kirchenschlager „Selig seid ihr“.

Der Text entstammt der Feder von Pfr. Friedrich Karl Barth aus Bad Hersfeld, später Frankfurt/Main, sowie anderer Mitarbeitenden, die sich vor allem um die Gestaltung des Konfirmandenunterrichts, aber auch um die Durchführung des Kirchentags sorgten. Hier zeigt sich: Das Lied hat die Menge im Blick, weniger den Einzelnen. Da kommen wir aber erst später drauf zurück. Nur den Text, den sollten Sie jetzt kennen:

  1. Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt, selig seid ihr, wenn Ihr Lasten tragt.
  2. Selig seid ihr, wenn ihr lieben lernt, selig seid ihr, wenn ihr Güte wagt.
  3. Selig seid ihr, wenn ihr Leiden merkt, selig seid ihr, wenn ihr ehrlich bleibt.
  4. Selig seid ihr, wenn ihr Frieden macht, selig seid ihr, wenn ihr Unrecht spürt.
» Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. «
Mt 5,1f: Der Beginn der "Bergpredigt"

„Selig seid ihr…!“ – mit eigenen Ohren gehört (Vol. 1)

Wenn Sie regelmäßig zum Gottesdient gehen, wissen Sie: Die Seligpreisungen – allerdings in der Version von Matthäus (vgl. Mt 5,3-12) – haben ihren festen Platz am Allerheiligenfest. Sie beschreiben das Idealbild, den ethischen Helden oder die ethische Heldin des Evangeliums. Dazu gehören die Zielgruppen „Konfirmanden“ und „Kirchentagsbesucher*innen“. So sollt ihr leben, damit ihr selig werden, und andere durch euch, so könnte man es sagen. „So geht Christentum“, wäre auch eine Kurzfassung.

Aber Ethik und Glaube scheinen für Matthäus schon gut unterschieden zu sein. Dieser komponierte Text der Bergpredigt spielt, wie der Name schon sagt, auf einem Berg:

„Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie…“ (Mt 5,1).

Im Kindergottesdienst böte sich jetzt eines von den von allen eher doch gehassten Fragespielchen an: „Na, Kinder, wer ist denn in der Bibel auch schon auf einen Berg gestiegen?“ Mutige werden sagen: „Mose – bei den Zehn Geboten“ (und vergessen ganz, dass die mindestens genauso spannende Gottesbegegnung am Berg bei Elija und am Horeb stattfand, aber das will heute ja keiner hören). Natürlich ist „Mose“ die erhoffte und daher „einzig richtige“ Antwort (so geht übrigens „Wahrheit“).

Und jetzt erwächst in Ihnen ein Dreischritt: (1) Wie Mose – so ist steht Jesus in der Tradition der Gesetzesgeber (Papst Benedikt sprach oft von Jesus als dem „neuen Mose“); (2) Jesus steigt auf einen Berg oder wird von Matthäus dorthin platziert, damit seine Worte das gleiche Gewicht haben wie die Zehn Gebote; (3) Und jetzt höre ich sie oder hören Sie sie auf dem „Appell-Ohr“: „Nun sei auch barmherzig, dann wirst Du Erbarmen finden; und dann hab Hunger nach Gerechtigkeit, dann wirst Du auch satt werden.“ Ich komme auf das Lied und seinen Text zurück – hier haben Sie deutlich die „Wenn – Dann- Struktur“: „Selig seid ihr dann, wenn ihr einfach lebt“. Diese Weise des Katechismus-Glauben schafft es zumindest nicht bei mir, mir die Seele satt zu machen.

Und es kommt dazu: Jesus auf dem Berg – das geschieht meist allein, oder mit einer kleinen Gruppe, wenn er ins Gebet, in die Stille geht, bei der Verklärung. Matthäus entfremdet den Berg, nimmt ihn als Anklang an das Gesetz des Mose, setzt Jesus als Gesetzesgeber und Gesetzeslehrer auf dessen Gipfel – und so wird die „Bergpredigt“ für das Volk, dass diese Predigt hört, eine Gesetzes-Verkündigung „von oben herab“. Das Volk wird bei Matthäus meines Erachtens nach wird „abgekanzelt“.

» In jener Zeit stieg Jesus mit seinen Jüngern den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Typus und Sidon waren gekommen. «
Lk 6,17 - der Beginn der "Feldrede"

„Selig seid ihr…!“ – mit eigenen Ohren gehört (Vol. 2)

Aber dann Lukas, das heutige Evangelium. Den Begriff „Bergpredigt“ kennt man, aber den Begriff der „Feldrede“? Man sollte es nicht glauben, aber in dieser Feldrede ist eine für mich unglaublich schöne Umkehrung des Textes von Matthäus beschrieben:

„In jener Zeit stieg Jesus mit seinen Jüngern den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und den Küstengebieten von Tyrus und Sidon waren gekommen. Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte…“ (Lk 6,17,18a,20a).

Jetzt fragen Sie mal im Kindergottesdienst, was das wohl heißen mag, dass Jesus vom Berg hinabstieg, oder dass er seine Augen auf seine Jünger richtet. Vielleicht käme so etwas wie „Jesus macht es den Menschen leichter! Sie müssen nicht hinauf! Er geht dahin, wo sie sind!“

Hier geht es nicht mehr um den Lehrer, hier geht es um den, der mich aufsucht, mit mir geht, mir zusagt, was sein kann. Die Worte von Feldrede und Bergpredigt mögen ähnlich sein, aber auf Augenhöhe gesprochen höre ich sie nicht auf dem „Appell-Ohr“, sondern als „Zusage“. Und anders als bei Matthäus geht es hier um die schlicht existierende reale Gegenwart, nicht um eine spirituelle Zukunft. Aus dem „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3) wird bei Lukas „Selig ihr Armen, denn Euch gehört das Reich Gottes“ (Lk 6,20). Aus dem „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden“ (Mt 5,6) wird „Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. (Lk 6,21).

»Resonanz [...] bezeichnet ein wechselseitiges Antwortverhältnis, bei dem die Subjekte sich nicht nur berühren lassen, sondern ihrerseits zugleich zu berühren, das heißt handelnd Welt zu erreichen vermögen. «
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. Aufl., Berlin, 270.

Resonanzachsen entdecken

Vieles von dem, was sich zurzeit in Kirche abspielt, finde ich den beiden Erzählsträngen wieder.

Sie können anfangen bei der Erwartung der einen, dass das Miteinander in der Kirche „auf Augenhöhe“ gelebt und dass ebenso „auf Augenhöhe“ verkündigt werden möge, oder dass es nicht so sehr ums „Spiritualisieren“, sondern mehr um die Welt gehen solle – Hartmut Rosa würde das eine „horizontale Resonanzachse“ nennen.

Sie können aber auch – wie es Josef Ratzinger in seinen drei Jesus-Büchern beschreibt – das kirchliche Leben in der Aneignung der Schrift, in der Deutung des Lebens aus der Schrift, im Kult und der Liturgie „erleben“ – wenn es echte Religiosität ist, würde Hartmut Rosa das die „vertikale Horizontachse“ nennen. Bliebe es bei den Dingen stehen – mal ein schönes Singen, ein gutes Lied, ein gelungener Gottesdienst -, dann wäre es sicher eher die „vertikale Resonanzachse.“

» Veränderung beginnt immer zuerst mit der Bereitschaft, althergebrachte Überzeugungen zu lockern und Neues zu denken.«
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 156.

Resonanz suchen – Mir den Glauben nicht nehmen lassen

Wenn ich eines lerne aus diesen beiden Reden – Bergpredigt und Feldrede -, dann ist es dies:

Es mag die Matthäus-Christen geben, die den Berg brauchen, die Lehre, selbst wenn sie im Wenn-Dann-Modus geschieht, das Oben und das Unten, den Lehrenden und die Belehrten – wenn diese Weise in ihnen eine Resonanz auslöst, die zum Leben hilft: Ich kann sie lassen.

Es mag die Lukas-Christen geben, denen die Augenhöhe wichtig ist, untereinander, aber auch zwischen den „Ständen“, den Nationen und Völkern; die eine gesunde Lehre suchen, und dabei in der Lage sind, über die „Heilige Schrift“ und den „Katechismus“ hinauszugehen; die geführt durch das eigene Gespür und den eigenen Verstand in Resonanz kommen mit einem Gott, der Berge und Felder transzendiert: Das wäre meines!

Als Jünger, als Jüngerin Jesu mit ihm auf Augenhöhe sein, weil er seine Augen auf mich richtet, und dem folgen, was Resonanz bewirkt, was lockt, vielleicht auch fordert, allemal verheißt. Das bewirkt etwas, wenn es geschieht. Und das lasse ich mir nicht nehmen.

Amen.

Köln 11.02.2022
Harald Klein