Gründonnerstag: Angst aushalten – in der Angst standhalten

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Je höher einer steht…

Du kennst dieses Sprichwort sicher, dass, je höher einer steht, er desto tiefer falle. Oder das Wort von der „unterschiedlichen Fallhöhe“, abhängig von der Prominenz dessen, der fällt. Das Tragische an der Feier des letzten Abendmahles und an der sich oft anschließenden Ölbergstunde, des begleitenden Mitbetens Jesu in der Stille der Nacht, ist nicht die Prominenz, die Jesus sich selbst gegeben oder sich (und für sich) erarbeitet hat. Jesus kannst du Dir nur schwer als „Karrieristen“ vorstellen. Das Tragische ist der ihm zugesprochene Ruhm, der „Inbegriff aller Missverständnisse“, von dem am vergangenen Sonntag, dem Palmsonntag, die Rede war. Im Ruf des „Hosanna! Gesegnet sei er!“ ist es die Menge der Menschen, die Jesus Stufe für Stufe höher hinaufhebt und hinaufschiebt. Er wird zum „Prominenten“ wider Willen, – und „prominere“ ist das lateinische Wort für „hervorragen“. Du merkst: hier fehlt ein „d“. Ein Prominenter ist (zumindest sprachlich) nicht in erster Linie jemand, der etwas Hervorragendes macht, arbeitet, sagt – nein, es ist eine Wesensaussage: er ragt hervor – hier: unter den Gesetzeslehrern, den Pharisäer, den Gottsuchenden. Das „je höher einer steht“ wird hier eher zum „je höher einer gestellt wird“ – desto tiefer wird er fallen. Weil er auf diesen Platz gestellt, geschoben wurde, ist er der, wird er von den Hohenpriestern, den Schriftgelehrten, von Pilatus, vom geifernden Volk verurteilt und ans Kreuz geschlagen, als Frucht, eher als Strafe für die ihm zugeschriebene Prominenz. Dieser Vorgang wiederholt sich bis heute, die Prominenten sind austauschbar, aber eines sind sie: eben prominent!

» Das Letzte, was er tat,
war kein großes Wunder,
sondern kleiner Dienst.
Er beugt die Knie
vor Jüngern und Brüdern.
Das große Geschenk
seiner selbst
gab er
im Bissen Brot
und im Wein. «
Altenähr, Albert [online]https://abtei-kornelimuenster.de/?view=article&id=1934:triduum-sacrum-gedicht-impulse-zu-bildern-von-j-brooks-gerloff [20.03.2024]

Der Abendmahlssaal Jesu

Das Evangelium von der Fußwaschung beginnt mit einer doppelten Zeitangabe. „Es war vor dem Paschafest“ – eine objektive Zeitangabe, ein Chronos, ein Datum i.S.v. etwas Gegebenem. Und Johannes schließt an: „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen“ – eine subjektive Zeitangabe, ein Kairos, ein Erleben, das dem Erlebenden die Hand hinhält, so, dass er zugreift.

Stelle Dir die Angst vor, die Jesus treibt, in dieser Situation, wissend, dass der Fall aus prominenter Höhe vor der Tür steht. Diese Angst vor Augen, vielleicht als Ahnung im Herz, klingt einer der nächsten Verse sehr entschieden: „Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leintuch…“

Damit beginnt die Fußwaschung, von der ich Dir nicht erzählen muss, die Erzählung ist bekannt. Der Vers davor beschreibt die Haltung der Handlung: In seiner Angst kommt Jesus ins Handeln, und dieses Handeln ist wie ein Testament. Die Erzählung endet mit den Worten Jesu: „Begreift Ihr, was ich an Euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und Ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, Euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch Ihr einander die Füße waschen. Ich habe Euch ein Beispiel gegeben, damit auch Ihr so handelt, wie ich an Euch gehandelt habe.“

Die Haltung der Handlung im Abendmahlssaal: Jesus kommt noch einmal ins Handeln, getrieben von einer Beziehung zu Gott und angestoßen vom Geist Gottes in ihm. Nicht, dass das ohne Angst geschieht, aber er hält die Angst aus, hält der Angst stand – mit denen, die da sind, und auf sie hin.

» Da ist sie, die Angst als existenzielle Kategorie, die bleiben wird und mit der er umgehen lernen muss. Und dabei soll ihm Lou helfen. Sie muss es tun, denn – so fürchtet er – allein wird er es nicht schaffen. «
Decker, Gunnar (2023): Rilke. Der ferne Magier. Eine Biographie, München, 174.

Der Abendmahlssaal Rilkes

Der Abendmahlssaal Rilkes – ich weiß um die Grenzen, aber auch um die Größe dieses Vergleichs – liegt in Italien, in Viareggio. In den Jahren 1903/1904 (die objektive Zeitangabe, der Chronos) hat Rilke sich hierhin zurückgezogen, um sich neu zu finden, zu entdecken. Er handelt seine Prominenz mit sich selbst aus – mit der Frage, wo, wie und ob er überhaupt das Zeug zum „Hervorragen“ hat. In dieser Zeit, schreibt Rilke, überfallen ihn „verschiedene schmerzhafte Zustände, die ich für eingebildet hielt, für ein irrendes Schöpferischsein am eigenen Körper und gegen die ich ankämpfte mit meinem Willen. […] Dann kam etwas so Banges, kam und kam wieder und verließ mich nicht mehr so ganz, und ich weiß gar nicht wie ich sagen soll was es war.“[1]

In diesem Kairos, in dieser der subjektiven Beschreibung der Zeit, in dieser Krise die Angst aushalten oder sogar der Angst standhalten – wie soll das gehen? Sein Abendmahlssaal in Viareggio ist leer. So schreibt er seine Not, seine Angst und Krise nicht an Clara Westhoff, seine Frau, sondern an Lou Andreas-Salomé, die ihm Vertraute, ihm mütterliche Freundin ist. Gunnar Decker, der Biograph Rilkes, weist auf diesen Brief aus existenzieller Not hin: „Das, was er bis eben noch wie selbstverständlich für seine Identität hielt, die von Kindheit in ihm gewachsen ist, eine Kontinuität, auf die er – trotz aller ihrer bisherigen Irritationen, die immer da waren – bauen konnte, es ist zerbrochen; er kommt sich vor ‚als wäre ich allen fremd wie ein in fremden Land Gestorbener, allein, überzählig, ein Bruchstück anderer Zusammenhänge.‘ Da ist sie, die Angst als existenzielle Kategorie, die bleiben wird und mit der er umgehen lernen muss. Und dabei soll ihm Lou helfen. Sie muss es tun, denn – so fürchtet er – allein wird er es nicht schaffen.“[2]

Dabei soll ihm Lou helfen, allein wird er es nicht schaffen. Rilke – so ganz anders als Jesus. Wirklich so ganz anders?

» Das, was er bis eben noch wie selbstverständlich für seine Identität hielt, die von Kindheit in ihm gewachsen ist, eine Kontinuität, auf die er – trotz aller ihrer bisherigen Irritationen, die immer da waren – bauen konnte, es ist zerbrochen; er kommt sich vor ‚als wäre ich allen fremd wie ein in fremden Land Gestorbener, allein, überzählig, ein Bruchstück anderer Zusammenhänge.' «
Pfeifer, Ernst (Hrsg.) (1984): Rainer Maria Rilke - Briefwechsel mit Lou Andreas Salomé, Frankfurt/Main und Leipzig, 59, zit. in: Decker, Gunnar (2023): Rilke. Der ferne Magier. Eine Biographie, München, 174.

Mein Abendmahlssaal

Ich möchte Dir gerne mitgeben, dass Du an diesem Tag Deinen Abendmahlssaal anschaust, in ihn eintrittst, ihn durchatmest, durchlebst. Ich stelle mir das für mich so vor, dass ich meine „Prominenz“ betrachte – vielleicht mit der Frage, für wen ich warum wie hoch stehe oder „hervorrage“, und wie ich auf diesen Platz gekommen bin. Was ist Eigen-Leistung, was ist Fremd-Verschulden? Und ist dieser Platz mir angemessen oder eher unangemessen? Will ich ihn einnehmen – oder nimmt er mich ein?

Ich will nach der Angst fragen, die mit diesem Platz verbunden ist. Wie äußert sie sich, und was bewirkt sie in meinem Inneren? Was befürchte ich von wem? Und was befürchte ich für mich? Traue ich mich an meine schlimmsten Befürchtungen, an mein Worst-Case-Szenario?

Ich will zwei weitere Fragen stellen, die ins Handeln führen. Die eine erinnert an Rilke und an seine Weise, die Angst auszuhalten und ihr standzuhalten: An wen kann ich mich wenden in meiner Angst, an die Angst, die „existenzielle Kategorie“ meines Lebens ist. Wer mag mir helfen, wenn ich ahne: alleine werde ich es nicht schaffen? Die andere erinnert an Jesus und an seine Weise, die Angst auszuhalten und ihr standzuhalten: Kann ich aufstehen, meinen Prunk ablegen und in aller Einfachheit in dieser Situation der Angst das tun, was meinem Innersten entspricht, ein Beispiel nicht für andere, sondern von mir und über mich leben? Zeigen, wer ich wirklich und wesenhaft bin – jenseits meiner vermeintlichen „Prominenz“ – und wer ich sein möchte, auch und gerade in Zeiten der Angst? Werde ich so die Angst aushalten und der Angst standhalten können?

» Für ihn, das schreibt er Paula auch, sei die höchste Aufgabe einer Verbindung zweier Menschen folgende: 'Dass einer dem anderen seine Einsamkeit bewache'. «
Decker, Gunnar (2023): Rilke. Der ferne Magier. Eine Biographie, München, 144 - Das Zitat wurde übernommen aus Modersohn-Becker, Paula (1920): Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke, Berlin, 50.)

… desto tiefer fällt er

Mich rührt in der liturgischen Feier des Gründonnerstags immer sehr das „Abräumen des Altares“, der ja für Jesus steht. In einem Weihnachtslied heißt es „… er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein.“ Dieses Elend, diese Nacktheit, diese Blöße spiegelt am Ende der Bußzeit der abgeräumte Altar und der leere Altarraum wider.

Fußwaschung im Gottesdienst, gemeinsame Agape der Gottesdienstgemeinde danach und dann Ölbergstunde. Mich rührt am Evangelium der Ölbergstunde der „tiefe Fall“ Jesu; es ist der Kniefall (mehr nicht, aber doch so viel) vor seinem himmlischen Vater, vor Gott. Das würde ich mir – und Dir – wünschen, in einem Akt des Vertrauens mich „an-vertrauen“ zu können, was für ein Wort! So, dass ich Halt erhoffen darf und vielleicht, hoffentlich auch erfahren kann. Bei denen und durch die, die zu mir gehören, bei Menschen, die ich darum bitte, und letztlich – sicher nicht ganz unvermittelt – in mir selbst.

Amen.

Köln,27.03.2024
Harald Klein

[1] Pfeifer, Ernst (Hrsg.) (1984): Rainer Maria Rilke – Briefwechsel mit Lou Andreas Salomé, Frankfurt/Main und Leipzig, 59, zit. in: Decker, Gunnar (2023): Rilke. Der ferne Magier. Eine Biographie, München, 174.

[2] ebd.