02. Adventssonntag – Zu(m) Herzen gehen

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„Das ist es, was wir Fantasie nennen.“

Drei Begleiter durch den Advent und die Weihnachtszeit habe ich Dir am vergangenen Ersten Advent vorgestellt, die zugegebenermaßen sehr unterschiedlich sind: den atl. Propheten Jesaja, den indischen Autoren Salman Rushdie und den im vergangenen Jahr verstorbenen deutschen Religionspädagogen Hubertus Halbfas. Die Idee ist, Jesajas Prophetie aus der Sicht des Literaten Salman Rushdie zu lesen und sie im Geist und in der spirituellen Weite des Religionspädagogen Hubertus Halbfas zu deuten.

Salman Rushdie beginnt seine Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 22.10.2023 in der Frankfurter Paulskirche mit einer Fabel und führt sie mit einer Frage fort: „‘Woher kommen die Geschichten?‘, fragt der Junge Harun seinen Geschichten erzählenden Vater in meinem Roman ‚Harun und das Meer der Geschichten‘; der entscheidende Teil der Antwort lautet: Sie kommen von anderen Geschichten, aus dem Meer der Geschichten, auf dem wir alle segeln. ‚Allerdings sollte ich hinzufügen, dass dies nicht ihr einziger Ursprung ist. Da gibt es auch noch die eigenen Erfahrungen des Geschichtenerzählers, seine Auffassung von Leben und die Zeiten, in denen er lebt: Die meisten Geschichten aber wurzeln in anderen Geschichten, womöglich in zahlreichen Geschichten, die miteinander verwoben sind, die sich vereinen und verändern und ständig zu neuen Geschichten werden. Das ist es, was wir Fantasie nennen.“[1]

An diesem Ort möchte ich Dich ein wenig in meine Gedanken zum Zweiten Advent führen, segelnd auf dem Meer DeinerGeschichten. Hole Dir dafür zuerst ein paar Deiner „Geschichten“ in Erinnerung: Geschichten des Glücks, der Traurigkeit, des Erfolges, des Misslingens, der Dankbarkeit, der Wut. … Und: kann es weitergehen?

Diese Geschichten sind nicht das Geschehen selbst, aber in diesen Geschichten erzählst Du, deutest Du das Geschehen. Erzählen und deuten sind wichtig, wichtiger aber ist das „Du“ – es sind eben „Deine“ Geschichten! Und Du erzählst in Ihnen „Deine“ Wahrheit, besser vielleicht: „Deine“ Wirklichkeit, das, was von „Deinen“ Geschichten in Dir wirkt. Das macht einen Unterschied, und diesen Unterschied bewirkt die Kraft „Deiner“ Fantasie. In ihr wurzeln Deine und unsere Geschichten, das ist es, sagt Salman Rushdie, was wir Fantasie nennen. Je nachdem, wie Du drauf bist, kann Deine Fantasie Dir zum Fluch oder zum Segen werden! Ich bin sicher, Du kennst das!

» 'Woher kommen die Geschichten?', fragte der Junge Harun seinen Geschichten erzählenden Vater. [...] 'Sie kommen von anderen Geschichten, aus dem Meer der Geschichten, auf dem wir alle segeln. Allerdings sollte ich hinzufügen, dass dies nicht ihr einziger Ursprung ist. Da gibt es auch noch die eigenen Erfahrungen des Geschichtenerzählers, seine Auffassung von Leben und die Zeiten, in denen er lebt: Die meisten Geschichten aber wurzeln in anderen Geschichten, womöglich in zahlreichen Geschichten, die miteinander verwoben sind, die sich vereinen und verändern und ständig zu neuen Geschichten werden. Das ist es, was wir Fantasie nennen.' «
Rushdie, Salman (2023): Wäre der Frieden ein Preis. Dankesrede anlässlich der Übergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Text und Seitenzahlen beziehen sich auf den Sonderdruck des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels, Frankfurt/Main, 26f.

„Redet Jerusalem zu Herzen…“

Und jetzt sieh Dir Jesaja in seinen Trostworten an! „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht Euer Gott“, auf Englisch: „Comfort ye, comfort ye, saith your God.“ Das sind die ersten Worte aus Händels MESSIAS! Und der deutsche Text, der sich anschließt: „Redet Jerusalem zu Herzen und ruft ihr zu, dass sie vollendet hat ihren Frondienst, dass gesühnt ist ihre Schuld, dass sie empfangen hat aus der Hand des Herrn Doppeltes für all ihre Sünden!“ (vgl. Jes 40,1-2). Mit diesen Worten beginnt auch die Erste Lesung an diesem Sonntag!

Ach, Jesaja, – übrigens der zweite, der „Deuterojesaja“, der in den Kapiteln 40-66 zu Worte kommt, zwei andere Propheten werden diesen Namen noch übernehmen – ach, Jesaja, woher willst Du das denn wissen? Ist Gott Dir im Traum erschienen, hast Du eine göttliche Schrifttafel gefunden, hat eine Stimme vom Himmel Dich angerufen, stand es in der Kugel aus Bleikristall (falls es die damals schon gegeben hat)?

Woher kommen die Geschichten? Die Frage des Jungen Harun nicht an den geschichtenerzählenden Vater, sondern an den Schriftpropheten Deuterojesaja gestellt. Was gäbe ich drum, wenn Deuterojesaja die Antwort des Vaters übernehmen würde und als Prophet nicht zum Anlass würde, ganze unangreifbar dogmatische „Glaubenssätze“ über den Geist der Offenbarung und die Heilsnotwendigkeit des Glaubens an die erlösende Botschaft, die darin steht über mich ergehen lassen zu müssen.

Das Meer Deiner Geschichten, auf denen Du segelst, Deine eigenen Erfahrungen als Geschichtenerzähler, Deine Auffassungen von Leben und die Zeit, in der Du lebst: Es ist ja nicht so, dass all das die Geschichten Deuterojesajasungültig machte, wichtiger ist: es macht Deine Geschichten gültig!

Lass es Dir zu Herzen gehen, dass Dein Frondienst zu Ende ist (wenn Du eine Vorstellung davon hast, was Du unter „Frondienst“ subsummierst und wie Du Dich zu ihm verhältst, vor allem aber auch verhalten könntest!). Lass Dir zu Herzen gehen, dass Dir zugesagt wird, Deine Schuld sei gesühnt (wenn Du eine Vorstellung davon hast, was Du unter „Schuld“ subsummierst und wie Du Dich ihr gegenüber verhältst, vor allem aber auch verhalten könntest!). Lass Dir zu Herzen gehen, dass Du vom Herrn Doppeltes empfangen hast für all Deine Sünden (wenn Du eine Vorstellung davon hast, was Du unter „Sünden“ und unter „Empfangen“ subsummierst und wie Du Dich gegenüber dem „Empfangenen“ verhältst, vor allem aber auch verhalten könntest!). Noch einmal Rushdie, der das Verhältnis zwischen Deuterojesaja und Dir erklären kann: „Die meisten Geschichten aber wurzeln in anderen Geschichten, womöglich in zahlreichen Geschichten, die miteinander verwoben sind, die sich vereinen und verändern und ständig zu neuen Geschichten werden. Das ist es, was wir Fantasie nennen.“[2] Du darfst die Bilder des Deuterojesaja mitnehmen auf das Meer der Geschichten, auf dem Du segelst; Du darfst Dich ansprechen lassen von den Bildern, die er benutzt, und darfst sie konfrontieren und ergänzen mit Deinen eigenen Bildern, mit Deiner Auffassung von Leben und mit der Zeit, in der Du lebst.

Eines ist für diese Zeit des Advents wichtig: Der Ort, an dem Dich die Bilder und die Worte treffen. Die Worte der Geschichten des Deuterojesaja zielen auf das Herz. Mehr auf eine Haltung als auf ein Verhalten; mehr auf Heilung denn auf Handlung. Es geht um das „Herz“ – eine Metapher und ein metaphorischer Ort, den ich gar nicht weiter beschreiben möchte und es Dir überlassen.

» Nichts ist den Menschen unbekannter und erschreckender als die eigene Seele. Die meisten Menschen haben Todesängste, in das Brunnenloch zu steigen und den Abstieg zum unbekannten Seelengrund zu wagen. Sie leben nur außen, von allem gefesselt, was zur Schau gestellt wird, aber sie werden schon verwirrt, wenn sie nur einen Blick über den Brunnenrand werfen sollen. Ihre Sicherheit liegt im Geläufigen der äußeren Welt; vor der Tiefe in sich selbst sind sie voll hilfloser Not. Aber der Brunnen ist noch nicht verschüttet. Wer ehrlich will, kann ihn finden und das Wagnis beginnen. »
Halbfas, Hubertus (1981): Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf, 15f.

Das Bild vom Brunnen

Jetzt Hubertus Halbfas: Seine Gebetsschule „Der Sprung in den Brunnen“[3] unterteilt er in drei große Abschnitte, die mit „Ich“ – „Gott“ – „Beten“ überschrieben sind. Das erste Bildwort, die erste Metapher, die Halbfas einführt, ist das Bild des Brunnens. Es geht um die Tiefe des Menschen, den Seelengrund, auf dem – schon Meister Eckhardt wusste das im 13./14. Jahrhundert – Gott inwendig (man könnte auch „inwändig“) im Menschen wohnt. Fragend, ob die Geschichten, die man z.B. von Deuterojesaja, von den Evangelisten – gerade von Lukas in den Weihnachtsgottesdiensten – , oder ob „Deine“ Geschichten „wahr“ seien, fragend, wie dann das Beten aussähe, würde Halbfas in den Worten des Lehrers aus seinem Buch antworten: „Beten lernt niemand durch Wissen und Können, sondern durch Erfahren und Leben. Was immer ich weiß, kann Dir nicht ersparen, Dich selbst zu suchen. Selbst musst Du in den Brunnen springen, die Tiefe wagen, den inneren Raum und die innere Zeit entdecken.“[4]

Das wäre was für den Advent! In den Brunnen springen, die Tiefe wagen, den inneren Raum und die innere Zeit entdecken. In den Brunnen springen hat etwas von „zum Herzen gehen“, und die Worte, die Du in der tiefen Stille bzw. in der stillen Tiefe des Brunnes/Herzens hörst, sollen Dir selbst zu Herzen gehen. Hier werden Geschichten geboren.

Halbfas kennt die Flucht vor dem Brunnen, hat aber auch eine Zusage: „Nichts ist den Menschen unbekannter und erschreckender als die eigene Seele. Die meisten Menschen haben Todesängste, in das Brunnenloch zu steigen und den Abstieg zum unbekannten Seelengrund zu wagen. Sie leben nur außen, von allem gefesselt, was zur Schau gestellt wird, aber sie werden schon verwirrt, wenn sie nur einen Blick über den Brunnenrand werfen sollen. Ihre Sicherheit liegt im Geläufigen der äußeren Welt; vor der Tiefe in sich selbst sind sie voll hilfloser Not. Aber der Brunnen ist noch nicht verschüttet. Wer ehrlich will, kann ihn finden und das Wagnis beginnen.“[5]

» Stille ist die Mitte des Menschen. Wo sie aufgebraucht ist, meldet sich alles laut an: Die Sprache wird leer, die Bewegung der Hände unruhig, der ganze Mensch Oberfläche. Und weil er das Schweigen nicht mehr kennt, kann er auch nicht mehr zuhören. «
Halbfas, Hubertus (1981): Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf, 20.

Noch einmal: „Das ist es, was wir Fantasie nennen.“

Das könnte Advent sein: Auf dem Meer Deiner Geschichten anhalten, den Anker werfen, in die Tiefe. Schauen, wie Deine Geschichten in anderen Geschichten wurzeln, wie sie sich verweben, verändern und ständig zu neuen Geschichten werden. Nimm Deine Erfahrungen, Deine Auflassungen von Leben und von der Zeit, in der Du lebst, mit dazu. Und mit all dem wage den Sprung in den Brunnen, in Deine Tiefe, auf Deinen Seelengrund hin – hier hörst Du die Stimmen, die Dir zu Herzen reden, hier unterscheidest Du, was Deinem Leben dient und was es beschneidet, was es einschränkt.

Und dann schreibe Deine Geschichte weiter, und gehe auf das zu, was Du geschrieben hast. Diese Geschichten aus der eigenen Tiefe, aus dem Seelengrund haben Kraft! Um es mit Salman Rushdie zu sagen: „Das ist es, was wir Fantasie nennen.“

Amen.

Köln, 08.12.2023
Harald Klein

[1] a.a.O., 26f.

[2] vgl. Anm. 2.

[3] Halbfas, Hubertus (1981): Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf.

[4] a.a.O., 12.

[5] a.a.O., 17f.