Verw:ortet im August 2022: Tolle, Eckart (2022): Jetzt! Die Kraft der Gegenwart, 18. Aufl., Bielefeld

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Spiritualität jenseits von Religion?

Sich mit Eckhart Tolle auseinandersetzen ist eine doppelte Herausforderung. Für einen Christen eher traditioneller Prägung kann es schwer sein, die Deutungen und Hinweise Tolles als „spirituell“ zu verstehen, sind sie doch losgelöst von jeder Religion, geschweige denn Konfession, von Praktiken irgendeiner Frömmigkeit und nur auf dem Weg als „spirituell“ zu verstehen, wenn Spiritualität (1) als Suche nach einem Geist gesehen wird, aus dem heraus das alltägliche Leben und Erleben in der Gegenwart nach „hinten“ gedeutet und nach „vorne“ geführt wird, (2) als eine Deutungsweise, die dialogisch ist, d.h. über die vernunftgemäß und nachvollziehbar Auskunft gegeben werden kann und die von sich aus Antworten auf Herausforderungen des Lebens anbietet, und die (3) in ein erlebbares Mehr i.S.v. „magis“, nicht von „multum“ an Lebendigkeit und Menschsein, Menschwerdung führt. Sofern dies alles in Kontakt und unter Berufung auf Jesus Christus geschieht, ist Spiritualität „christlich“, geschieht dies nicht, ist sie aber aufgrund der Erfüllung der ersten drei Punkte nicht christlich, aber doch immer noch „Spiritualität“!

» Wenn ich gelegentlich die Worte von Jesus oder Buddha aus ‚Ein Kurs in Wundern‘ oder aus anderen Lehren zitiere, dann tue ich das nicht, um zu vergleichen, sondern um deine Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass es in Essenz immer nur eine Lehre gibt und gegeben hat, obwohl sie in mehreren Formen erscheint. Einige dieser Formen, wie z.B. die alten Religionen, sind so überlagert mit fremden Inhalten, dass ihre spirituelle Essenz fast vollkommen verdeckt ist. Ihre tiefere Bedeutung ist dadurch fast nicht mehr zu erkennen und sie haben ihre transformative Kraft verloren. «
Tolle, Eckhart (2008): Jetzt. Die Kraft der Gegenwart, Bielefeld, 20. Aufl., 26.

Eckart Tolles Impuls, sein angebotener spiritueller Weg ist leicht verständlich und gleichzeitig herausfordernd, weil er die Lebens-, Denk- und Verhaltensweisen einer ganzen Kultur so, wie sie über Jahrzehnte hinweg gewachsen ist, in Frage stellt. Sein Verlag fasst auf der Homepage des Verlages die „Drei-Komponenten-Strategie Tolles für ein sinnvolleres und erfüllteres Leben“ knapp zusammen.

Im ersten Schritt geht es darum, die eigene Geschichte bis zum gegenwärtigen Moment zu erkennen. Die Frage nach der Rolle der Vergangenheit und ihrer Präsenz im Jetzt ist dabei genauso wichtig wie die Rolle der Zukunft und der Angst, die oft Hand in Hand mit ihr geht. Es ist der Verstand, der sowohl die Erfahrungen aus der Vergangenheit als auch die Angs vor der Zukunft gegenwärtig macht oder erscheinen lässt, sodass sie Kraft über das Jetzt haben.

Im zweiten Schritt wird deutlich, dass die eigenen Gedankenströme ein Gefängnis sind, in dem das vom Verstand erschaffene Ich in der Zelle der Vergangenheit und der Zukunft sitzt und die Gegenwart, den gegenwärtigen Moment nicht zu sehen und zu würdigen in der Lage ist. Im Nachsinnen oder im Griff der Vergangenheit und der Zukunft sind Menschen dem „Waren“ oder dem „Werden“ verhaftet und haben keinen Raum mehr für das Sein.

Im dritten Schritt geht es um die Motivation, um den Versuch, um den Anfang, das eigene Bewusstsein – den Ort meines Seins – von den Gedankenströmen – dem Ort der Wertungen, der Erinnerungen und der Ängste des Ichs – zu lösen. Leben geschieht ausschließlich im jetzt, im Moment, und den gilt es wahrzunehmen. Die Freuden und Ängste der Vergangenheit, die Sorgen und Hoffnungen der Zukunft können immer nur im Jetzt erlebt werden, nur hier haben sie Realität.

Tolles Idee und sein Hinführen zu diesem fordern heraus und verheißen viel! Für die, denen an christlicher Spiritualität liegt, kann ich sagen, dass Ihnen nichts genommen wird – im Gegenteil: viele der Worte Jesu im neuen Testament und manches seiner Handlungen erscheint im neuen Licht, ich erinnern nur an das „Sorgt Euch nicht um Euer Leben. Seht die Vögel des Himmels. Lernt von den Lilien auf dem Feld. Sorgt euch nicht um das Morgen!“ (vgl. Mt 6, 26-29). Es ist leichter, sein Stundengebet zu beten oder die Messe zu besuchen, als sich von Eckart Tolle mitnehmen zu lassen. Was letztlich dem Leben hier und jetzt mehr Nahrung gibt, das ist dann jedem selbst überlassen.

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Köln 27.07.2022
Harald Klein